Der kleine Grossblockbaumeister aus der DDR
Ob
Berlin-Marzahn, Rostock-Lichtenhagen, Jena-Lobeda oder Magdeburg-Olvenstedt,
wer sich einmal in einer dieser Plattenbau-Großsiedlungen der ehemaligen
DDR umgesehen hat, mag sich kaum vorstellen, dass der Bau von industriell
vorgefertigten Häuserkomplexen schon in den 20er Jahren von großen
Architekten wie Le Corbusier als „Königsweg“ zukünftigen Wohnungsbaus
gepriesen wurde. Diesen Weg griffen die Baumeister der DDR nach dem zweiten
Weltkrieg wieder auf. Seit den späten 50er Jahren schien der Plattenbau
die vielversprechendste Lösung zu sein, den teilweise noch aus den
Schäden des zweiten Weltkrieges resultierenden Wohnungsmangel in Deutschlands
Osten zu lindern und gleichzeitig einen Weg zu weisen in eine hellere und
moderne sozialistische Wohnungszukunft. Gegenüber vielen unsanierten
Altbauten boten die Wohnungen in der „Platte“ Annehmlichkeiten wie moderne
Einbauküchen und zeitgemäße Sanitärräume, so
dass der Ansturm auf Zuteilung einer solchen Wohnung bis zum Ende der DDR
nie abriss.
Politisch sollten diese Bauten ein Symbol
für die Fortschrittlichkeit des Sozialismus sein, die DDR als eine
moderne Industrienation darstellen, deren Standard in Architektur und Bautechniken
Weltspitze darstellte.
So entstand im Laufe der Jahre ein Typenbausystem
von republikweiter Einheitlichkeit, dass von dreistöckigen Bauten
für den ländlichen Raum (kaum ein Dorf der DDR, das nicht auch
heute noch am Ortsrand von einem oder mehreren dieser begiebelten Mehrfamilienhäusern
„geziert“ wird) bis hin zu den zwanzigstöckigen Giganten der Großstadtsiedlungen
reichte. Bis in die späten 80er Jahre entstanden so ganze Stadtteile
entweder auf den Trümmern planmäßig dem Verfall überlassener
Stadtquartiere oder gleich ganz auf der grünen Wiese. So bot der neue
Berliner Stadtteil Marzahn (ein ehemaliges Bauerndorf an der Peripherie
Berlins) Wohnraum für 160 000 Menschen.

Zunächst, vermutlich schon in den Endsechzigern auf dem Markt erschienen, firmierte als Hersteller eine dem Autor nicht näher bekannte Firma „KARI“, in den frühen achziger Jahren dann der „VEB Gothaer Kunststoffverarbeitung“ in der Kastanienallee 4 mit dem Betriebsteil Waltershausen, schließlich dann, im Jahre 1989, mit einem DDR-typischen Namensungetüm das „VEB Chemisch-technische Erzeugnisse Gotha –Stammbetrieb- Betriebsteil Waltershausen“ in der Friedrich-Engels-Straße 7, dem zusätzlich der Markenname „plaspi“ beigegeben war.
Zierte zu „KARI“-Zeiten noch ein liebevoll karikierter strubbelhaariger kleiner Baumeister die aus weinroter Pappe gefertige Verpackung, so ging man in späteren Zeiten zu detailliert gezeichneten Bauvarianten des jeweiligen Baukastenmusters über.
Alle
Baukästen bieten ein einheitliches, untereinander kombinierbares Kunststoffstecksystem
von weißen Plattenelementen als Wandflächen und mit unterschiedlichen
Fenster- und Türformen, roten Dächern und Zwischengeschossplatten,
sowie blauen Verbindern.
Auf eine Grundplatte werden in einer lego-ähnlichen
Nut- und Verbinderlösung (allerdings mit wesentlich größerem
Lochabstand) die blauen Verbindungsstreifen aufgesteckt, auf die dann,
wieder in derselben Weise, die Wandelemente gesetzt werden. Eine weitere
blaue Verbinderreihe sichert die Stabilität des Geschosses, bevor
dann entweder eine Zwischengeschossdecke oder das Dach folgen. Zur Verschönerung
liegen allen Kästen rote, in Löcher in der Fassade einsteckbare
Balkone und grüne Blumenkästen bei, für die auch die passenden
Blumen nicht fehlen.
Jeder Baukasten enthält eine mehrseitige detaillierte und mit farbigen Illustrationen versehene Bauanleitung , die neben einem Inhaltsverzeichnis schematische Zeichnungen zum Stecksystem und zum Bau des auf dem jeweiligen Kastendeckel dargestellten Modells bietet und in einem einführenden Text die Vorzüge und Möglichkeiten der aufeinander aufbauenden Kastenserie preist.
So verspricht die Anleitung zum TYP 1 :
„Der Grossblock-Steckkasten soll Dir, kleiner oder auch größerer
Baumeister, Anregungen geben, Gebäude vom kleinen Wohnhaus bis zum
modernen Hochhaus aufzuführen. Mit ein wenig Geduld und Geschick wird
es Dir bald gelingen, nicht nur die hier abgebildeten Häuser nachzubauen,
sondern mit eigener Phantasie die schönsten Gebäude zu entwerfen.
Die Ausführung ist gar nicht so schwer.“
Der TYP 1 bildet mit seinen einfachen
Wand- und Fensterbauteilen den Grundstock der Serie, bietet die Möglichkeit,
schlichte kleine und mittelgroße Hochhausbauten noch ohne Zwischengeschossböden
zu gestalten und den Umgang mit dem System zu erlernen.
Der
TYP 2 ergänzt das schon aus dem Grundbaukasten bekannte Teilesortiment
durch großzügige Schaufensterfronten aus durchsichtigem Plastik
und bunte Sonnenschirme samt Ständern. Schon auf der Titelzeichnung
wird sichtbar, daß der Baumeister nun das kleine Einmaleins des Plattenbauens
hinter sich gelassen hat, ein dreistöckiger Bau mit durchgehender
Schaufensterfront und Dachterasse, sowie ein vielleicht gastronomisch genutzter
Flachbau mit großer Freitreppe und Sonnenterasse läuten die
nächste Runde deutlich großstädtischeren Bauens ein.
So ist es nur folgerichtig, daß
die Autoren der Bauanleitung dem stolzen Besitzer nun mit auf den Weg geben:
„Vielleicht bist Du, kleiner Baumeister, schon glücklicher Besitzer
des Grossblock-Steckbaukastens Plaspi Typ 1, dann hast Du im Bauen schon
einige Übung. Dieser Baukasten nun, Plaspi Typ 2, soll Dir neue Möglichkeiten
geben, Deine Baukunst zu beweisen. Du kannst im modernen Stil unserer Zeit
Wohnblocks, Hochhäuser, Hotels, Geschäftshäuser, Brücken
und vieles mehr entstehen lassen.“
Infrastrukturellen Maßnahmen widmet sich der TYP 3. Eine Autogarage und Tankstelle mit den dazugehörigen Fahrzeugen soll den inzwischen schon versierten Plattenbauspezialisten erfreuen. Neben den schon bekannten Grundelementen sind es diesmal zwei große schwenkbare Garagentore und angedeutete Zapfsäulen, die den Baukasten ergänzen. Zusätzlich sind zwei wenig maßstäbliche, aber dennoch interessante Fahrzeuge. Ein rund-altertümlicher Einfachtraktor mit Anhänger und ein im Vergleich dazu und auch zu den Gebäuden völlig überdimensionierer Einfach-PKW (in Ansätzen dem Wartburg 353 nicht unähnlich) bieten nun auch Möglichkeiten zur Fortbewegung. Kurios aus Sicht des Autors ist, daß es mit demselben Steckachsensystem, das für den Wartburg verwandt wurde, auch eine LKW-Serie im angenäherten HO-Maßstab gab. Diese Fahrzeuge, ebenso mit nicht durchbrochenen Fenstern gefertigt, wie der PKW, lehnten sich optisch an das Baumuster IFA W 50 an und wurden unter anderem als LKW mit Kastenaufbau, aber auch als Feuerwehrleiterwagen mit Doppelkabine (!!) gefertigt. Diese Modelle, obwohl maßstäblich weit besser zum Grossblockbaumeister passend, gehörten jedoch nicht zur Ausstattung.
Mit dem TYP 4 erreicht die Welle des industriellen Bauens dann auch das Land. Analog zu den schon erwähnten „kleinen“ Plattenbauten für dörflichere Wohnstrukturen kommen hier nun auch Giebelelemente zum Einsatz und ermöglichen das Wohnen unterm Dach. Dreiecks-Fassadenelemente, kleine Sprossenfenster und rote Ziegeldachelemente samt First bieten neue Baumöglichkeiten. Zur weiteren Ausgestaltung des dörflichen Ambientes liegen dem Kasten nun auch kreuzweise zusammensteckbare Baum- und Buschelemente bei, eine Fernsehantenne sorgt für den Blick in die große weite Welt (über deren mögliche Westausrichtung schweigt sich der Bauplan allerdings aus) und ein Schornsteinelement sorgt für imaginären Braunkohleduft im Kinderzimmer. Zur Komplettierung der ländlichen Idylle wird auch ein Storchennest mitsamt Adebar nicht vergessen, 2 Kühe und ein Pferd vervollständigen die Menagerie.
Über den TYP 5 ist dem Autor leider nichts bekannt, vielleicht weiß ja ein User mehr.
Der
Kleine GROSSBLOCK-Baumeister wurde bis zur Wende produziert, in den frühen
neunziger Jahren tauchten Packungen in Sonderpostenmärkten im
„Westen“ auf und mancher Restbestand fand sich auch noch in alten ostdeutschen
Spielwarenläden in der untersten Regalreihe. Mancher Bauanleitungshinweis
auch auf den „größeren“ Baumeister mag sich auf herbeigerufene
Väter beziehen, die Passgenauigkeit der Bauteile lässt zum Teil
eher zu wünschen übrig und fordert nachdrückliche Kraftanstrengung,
die von Kinderhänden nicht unbedingt zu leisten ist.
Das Spielsystem scheint beinahe dem HO-Maßstab
angenähert und eignet sich in seiner recht vorbildentsprechenden Farbgestaltung
durchaus auch zur Hintergund- und Dioramengestaltung. Seinen verdienten
Platz als Dokument der Zeitgeschichte hat eine Baukastenexemplar im „Haus
der Deutschen Geschichte“ in Leipzig gefunden. Es ist dort in der ständigen
Ausstellung als Repräsentant der Spielwelten der DDR zu sehen.
Björn Herrmann 2002 (erschienen in Spielzeug Antik-Revue 1/02)